Raubkopien auf dem iPhone
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Raubkopien auf dem iPhone

Die Rechtfertigung vieler Software-Piraten: »Wir wollen das Programm doch nur antesten!« Dass dieses Argument nicht annähernd die Wahrheit beschreibt, zeigt Tod Baudais anhand von Statistiken zu seinem iPhone-Spiel Tap-Fu.

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Es ist wirklich eine aufregende Zeit, wenn du gerade ein neues Spiel rausbringst, das den Leuten Freude bereiten soll. Ganz besonders wenn es eines ist, in das du dein ganzes Herzblut und einen Haufen Geld im letzten halben Jahr hineingesteckt hast.
Und dann, nach all den Mühen und dem Polishing, ist es endlich soweit: In freudiger Erwartung schickst du dein Werk an die Götter (a.k.a. Apple) und hoffst auf ihr Wohlwollen. Wenn dann die erlösende Zustimmung kommt, lehnst du dich zurück und träumst von großen Reichtümern…
Einen Tag später haut es dich dann um, wenn du begreifst, dass du total übers Ohr gehauen wirst. Im Gegensatz zu dem, was du von anderen hörst, wird dein Spiel gar nicht gekauft, dafür aber umso mehr gespielt.

Was Tap-Fu angeht…

Wir bei Smells Like Donkey unser aktuelles Spiel »Tap-Fu« zu einem fairen Preis von 2,39 Euro in den App Store gestellt. Tap-Fu ist ein Titel mit ziemlich hoher Qualität und die meisten ehrlichen Käufer scheinen es sehr zu mögen. Das Spiel besitzt einige Online-Ranglisten, die Spieler stellen ihre Punktzahlen aber freiwillig ein. Und wenn sie dann ihren Score hochladen, sammeln wir gleichzeitig ein paar Informationen (allerdings nichts Persönliches):

  • diverse Daten zum Punktestand (u.a. Score, Kills und Style Points)
  • Spielinformationen (Karte, Spielmodus, Schwierigkeitsgrad)
  • App Version
  • OS-Version
  • Geräte-ID
  • Pirated Flag



Entscheidend sind in diesem Fall »Geräte-ID« und »Pirated Flag«.

Links der Cydia Installer, in der Mitte die freundliche Warnmeldung und rechts die beiden erfolgreich installierten Versionen von Tap-Fu und 7 Cities.

Wie man zum App Piraten wird …
Bevor wir uns den Statistiken widmen, lassen Sie uns kurz über das Raubkopieren selbst sprechen. Nachdem ich mir die Zahlen angeschaut hatte, wollte ich unbedingt verstehen, wie einfach es wirklich ist, Spiele zu klauen. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Ich war unglaublich überrascht (und besorgt), wie einfach es ist. Übrigens möchte ich betonen, dass ich nichts gegen die Jailbreaking-Community habe -- es werden dort ziemlich coole Sachen entwickelt, manches davon sieht nach einer Menge »Nerd-Fun« aus.
Aber wie einfach ist es denn nun, Software zu stehlen? Angenommen Sie besitzen ein »jailbroken« iPhone und Cydia ist installiert, dann können Sie ganz einfach ein neues Source Package hinzufügen und die Raubkopiersoftware von Hackulo.us herunterladen. Das kleine Programm ist nichts weiter als ein Kernel-Patch, der Apples DRM-System umgeht (oder so was ähnliches). Wenn sie den Package Source hinzufügen, weist Sie Cydia netterweise darauf hin, dass Sie möglicherweise etwas Unmoralisches tun (siehe Abbildung 1). Da ich aber sowieso nur unsere eigenen Apps stehlen wollte, hab ich es trotzdem hinzugefügt. Eine kurze Installation, ein Neustart und schon kann Ihr iPhone raubkopierte Programme abspulen.
Sobald Ihr Telefon neu gestartet ist, müssen Sie nur noch eine gecrackte Version einer App von einer der unzähligen Seiten im Netz herunterladen, zu iTunes hinzufügen, synchronisieren, fertig. Überraschenderweise ist das sogar einfacher als das Programm gleich bei iTunes zu kaufen! Und übrigens: Die Piraten brauchten gerade mal 40 Minuten nach Release, um Tap-Fu auf ihre Seiten zu stellen.



Und nun die Fakten…

Was erfahren wir denn nun von unseren erhobenen Daten? Zunächst einmal spiegeln unsere Zahlen nur ehrliche Spieler oder Piraten wider, die freiwillig ihren Highscore an uns übermitteln. Die App telefoniert also nie ohne eine direkte Anweisung vom User nach Hause. Wir schränken die Funktionalität raubkopierter Versionen auch in keinster Weise ein.
In Abbildung 2 sehen Sie die Highscore-Tabelle, mit der wir uns derzeit konfrontiert sehen. Rote Einträge stellen Raubkopien dar, blaue sind gekaufte Versionen.
Jetzt werden die meisten Spieler sicherlich sagen, dass sie das Programm nur »testen« wollten. Ganz nach dem Motto »Ist es ein gutes Spiel, kauf ich's auch!«. Dass dem nicht so ist, können Sie am prozentualen Anteil der Raubkopien an den insgesamt hochgeladenen Highscores sowie an der Conversion Rate erkennen (Abbildung 3). Insgesamt liegt der Anteil der Raubkopien an den hochgeladenen Scores bei 71,2%.
Wir sehen also, dass exakt 0% der Piraten unser Spiel für kaufenswert halten -- was im Übrigen das genaue Gegenteil von dem ist, was wir von ehrlichen Käufern aus Forenbeiträgen erfahren. Interessant ist auch, dass die meisten »Piraten-Scores« aus dem Storymodus stammen, dahinter rangieren die Modi »Rounds« und »Survival«. Dies entspricht exakt dem Aufbau unseres Hauptmenüs. Vielleicht bedeutet es, dass Raubkopierer generell eine niedrigere Aufmerksamkeitsspanne haben und schneller zum nächsten Spiel wechseln.

Der Anteil der Raubkopien in der Highscore-Liste schwankt täglich, die Conversion Rate bleibt hingegen konstant bei 0%.

Wie sich die Piraten rechtfertigen…
Es ist vielleicht interessant, ein wenig näher auf die Rechtfertigungen der Raubkopierer einzugehen. Eine der größten Piraterieseiten ist Appulo.us, in den FAQ finden wir einige Schätze wie diese hier:


»Appulo.us ist eine Sammlung von Links, um den Nutzern von iPhone und iPod touch die Möglichkeit zu geben, uneingeschränkt Software auszuprobieren und im Anschluss zu entscheiden, ob man sie kaufen möchte.«

»Wie dem auch sei, es gibt eine beachtliche Zahl an Leuten in der Community, die die Entwickler ehrlich bezahlen, wenn ihnen die getestete Software gefallen hat«

»Ich hatte die Gelegenheit, die Verkaufsstatistiken eines hoch bewerteten Indie-Spiels einzusehen. Es zeigt sich, dass der Entwickler eine große Zahl an Installationen von Leuten verzeichnet, die eine »unbegrenzte Testversion« nutzen. Aber mehr als 99% dieser Installationen stammen von Leuten, die das Spiel statistisch gesehen erst gar nicht gekauft hätten. Ein einziges Prozent ging also an diejenigen verloren, die das Spiel eventuell erworben hätten. Aber dadurch, dass die Testversion auch Käufer generiert hat, die sonst nicht zugeschlagen hätten, ist das Endresultat als extrem positiv zu bewerten«

Die Highscore-Liste: Nur ein Bruchteil der Einträge stammt aus gekauften Versionen (blau).


Sehe ich mir dann aber unsere Statistiken an und die Tatsache, dass niemand Tap-Fu gekauft hat, nachdem er es »getestet« hatte, so kommen mir diese Rechtfertigungen doch irgendwie bizarr vor. Es ist im Prinzip ein scheinheiliger Versuch, die Wahrheit zu verschleiern. Sie sollten also vielleicht ihre Seite ändern und sagen:

»Wir klauen, weil wir's können!«

Das scheint mir ein deutlich ehrlicheres Statement zu sein, zumindest nach unserer Statistik.

Zukunftspläne
Weil Apple nur sehr langsam auf diese Entwicklung reagiert und weil Raubkopieren bereits alltäglich ist, werden die Entwickler die Lösung wohl in ihre eigenen Hände nehmen. Eine raubkopierte App zu erkennen ist einfach, mich würden also Gegenmaßnahmen nicht wundern. Wir denken derzeit selbst über ein paar Sachen nach. Wir werden wahrscheinlich zunächst eine Meldung ausgeben, die darauf hinweist, das Spiel doch besser zu kaufen. Dazu senden wir sofort Links mit, sodass es allen Willigen besonders leicht gemacht wird, unser Spiel zu kaufen -- das wird sicherlich ein interessanter Test für uns. Ich denke auch, dass Downloadable Content ein Schritt in die richtige Richtung ist -- also die Basis-App kostenlos anzubieten und weitere Bezahlinhalte bereitzustellen. Das zwingt die Piraten, ihre Strategie zu überdenken und es wird wahrscheinlich eine Weile dauern, bis es sich lohnt, dieses System zu attackieren. Eine weitere Methode für Multiplayer Apps ist die Online-Verifizierung und das Verhindern von Verbindungen zu Match Making Servern oder dergleichen. Es geht nun mal um Fairness und wenn jemand nicht für eine App bezahlt, dann sollte er den Service vielleicht auch nicht nutzen dürfen. Am Ende geht es um jeden einzelnen Entwickler und wie er mit dem Problem umgeht.

Die Qualität von Tap-Fu ist vergleichsweise hoch, dementsprechend positiv bewerten ehrliche Käufer das Spiel.

Und das Fazit?
Jetzt, da alles gesagt ist, sind wir nun wirklich besorgt? Naja, vielleicht ein bisschen. Aber wir halten uns an dem Gedanken fest, dass nicht nur wir im Speziellen Käufer verlieren, sondern jeder einzelne Entwickler mit uns. Die Piraten haben sich im Grunde vollständig von iTunes zurückgezogen und das tut am Ende uns allen weh. Wie sehr das weh tut? Nicht sehr -- es gibt wahrscheinlich nur ein paar wenige dieser Leute, die unser Spiel auch legal erworben hätten, also ist es keine so große Sache. Aber als ein Entwickler, der ab und zu auf seine Highscore-Charts blickt, ist es doch ziemlich deprimierend. Dennoch sind wir froh, dass eine Menge ehrlicher Käufer da draußen sind und wir werden unser Bestes geben, damit wir diese auch erreichen.
Tod Baudais

zum Autoren: Tod Baudais ist Gründer und CEO des iPhone-Entwicklers Smells Like Donkey.
Bevor Tod Spiele für das iPhone entwickelte, arbeitete er unter anderem bei Brainbox Games am Horrospiel »Land of the Dead: Road to Fiddler's Green«. Später wirkte er bei Starz Animation an CGI-Filmen wie »Everyone's Heroe« von Christopher Reeve mit. Im Jahr 2008 gründete Tod sein jetziges Studio Smells Like Donkey.