Publisher 2015
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Der Geschäftsführer von Ubisoft Deutschland über die Folgen der Wirtschaftskrise, die Zukunftsaussichten des klassischen Retail-Geschäfts und die langfristigen Überlebenschancen von unabhängigen Entwicklerstudios.

Making Games

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Making Games Aktuelle Marktdaten zeigen, dass der Umsatz von Computerspielen stagniert. Ist damit das allgemeine Wachstum der Games-Branche erstmal vorbei oder sehen wir hier eine Spätfolge der Wirtschaftskrise?
Ralf Wirsing Das ist ganz klar eine Spätfolge der Wirtschaftkrise, eine kleine Delle in unserem Wachstumsmarkt, die wir kompensieren müssen. Allein für dieses und nächstes Jahr haben die großen Hersteller wie Sony, Microsoft und Nintendo viele Produkte angekündigt, die neue Impulse für den Marktwachstum setzen werden.

Making Games Viele haben ja lange behauptet: Egal wie schlecht die wirtschaftliche Lage ist – die Leute spielen immer. Woran liegt es, dass sich die Wirtschaftsprobleme nun doch auf die Spieleindustrie auswirken?
Ralf Wirsing Naja, was wir momentan machen, ist doch Jammern auf hohem Niveau. Im Vergleich zu anderen Industriebereichen, die Einbrüche von bis zu 50 % verzeichnen und seit zwölf Monaten nur noch Teilzeit-Arbeiter einstellen, geht es der Spielebranche den Umständen entsprechend immer noch gut. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Spieler aufgrund ihres eingeschränkten Budgets wählerischer in ihrem Kaufverhalten geworden sind und mehr auf ihre Kosten achten -- gerade im Entertainment-Bereich.

Making Games Hört man sich unter Analysten oder auch direkt unter den Spielern um, dann sind vor allem die Face-Book,- Free-to-Play-Games und Downloads im Trend. Wird es das klassische Retail-Geschäft 2015 noch geben?
Ralf Wirsing Selbstverständlich!

Making Games Bleibt also alles wie immer oder wird sich der Marktanteil verkleinern? Was ist deine Prognose?
Ralf Wirsing Durch die vielen neuen Online-Modelle wie Onlife werden sich die Marktanteile sicherlich verschieben, aber der traditionelle Markt wird immer seine Berechtigung behalten. Allein die Online-Verfügbarkeit ist nicht immer so gegeben, wie man sich das vorstellt. Ich war vor kurzem in Deutschland im Urlaub, ohne Internetanschluss und Mobilnetz. Eine hundertprozentige Netzabdeckung, die ich als Grundvoraussetzung sehe, um alles nur noch digital zu machen, ist nach meiner Meinung rein kostentechnisch gar nicht umzusetzen. Außerdem hat nicht jeder Lust permanent online zu sein.

Making Games Ubisoft experimentiert trotzdem mit neuen Geschäftmodellen, vor allem im Free-to-Play-Bereich
Ralf Wirsing Richtig.

Making Games Werden sich die Prioritäten bei Ubisoft damit grundlegend verschieben?
Ralf Wirsing Momentan probieren wir viele Geschäftsbereiche aus, die sich aufgrund von bestimmten Trends entwickelt haben. Zu unserer Firmen-Philosophie gehört es, neue Technologien und Business-Modelle grundsätzlich auszuprobieren und dazu gehören auch Browsergames. Das Geschäftsmodell der Free-to-Play-Games hat eine gewisse Attraktivität und wir möchten antesten, inwieweit es mit unseren verfügbaren Spielemarken und unserem Know-How kompatibel ist. Wir gehen ungern an neuen Möglichkeiten vorbei.

Making Games Du glaubst aber nicht, dass Ubisoft bis 2015 zu einem reinen Social-Games Unternehmen mutiert?
Ralf Wirsing Das halte ich zumindest für sehr unwahrscheinlich. (lacht) Das klassische Business, also die Spielbox im Handel zu verkaufen ist immer noch zu einem signifikanten Prozentsatz unser Hauptgeschäft, und das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern.

Die Siedler als Browsergame: »Das Geschäftsmodell der Free-to-Play-Games hat eine gewisse Attraktivität und wir möchten antesten, inwieweit es mit unseren Spielemarken und unserem Know-how kompatibel ist.«

Making Games Einige Stimmen in der Branche behaupten, die Spiele der nächsten Konsolen-Generation werden nur noch als Download zu kaufen sein. Wie lange wird es deiner Einschätzung nach den physischen Datenträger 2015 noch geben?
Ralf Wirsing Nach unseren Erfahrungen möchte ein großer Teil der Spieler eine physische Form des Spiels in den Händen halten. Der Bereich von Sondereditionen bekommt in diesem Zusammenhang eine größere Bedeutung und zeigt uns, dass die Spieler wert auf die Verpackung und weitere Extras zum eigentlichen Spiel legen.

Making Games Stichwort Extras: Wie viel Spiel wird 2015 noch in der Packung sein und wie viel wird als Downloadable Content nachgeschoben?
Ralf Wirsing Ich denke der Trend zu DLCs wird sich weiter fortsetzen. Der DLC wird in Zukunft das klassische Addon ersetzen. Wir stellen fest, dass Spieler in möglichst kurzen Zeitabständen neue Spielinhalte haben möchten. Der Erfolg von DLCs wird aber letztlich von ihrem Preis-Leistung-Verhältnis abhängen.

Making Games Wird sich durch die Entwicklung von Zusatzinhalten für ein Spiel, die man nachträglich erwerben kann, in Zukunft der Grundpreis für ein Spiel ändern?
Ralf Wirsing Ich persönlich glaube nicht, dass sich der Grundpreis für die Spiele verändert. Normalerweise sollten die Download-Inhalte zu einem Spiel zusätzlich generiert sein und das Projekt nicht von Anfang an beschneiden.

Making Games Braucht ein Publisher im Jahr 2015 ein erfolgreiches MMO auf dem Markt, um überlebensfähig zu sein?
Ralf Wirsing Als Publisher müssen wir vor allem erfolgreiche Produkte auf den Markt bringen. Die Frage ist welches MMO ist wirklich erfolgreich? Wir sehen, dass die Verkaufszahlen von Online-Rollenspielen nicht exponentiell wachsen. Natürlich sind zehn Millionen registrierte User von World of Warcraft eine Quelle stetigen Einkommens. Gleichzeitig stehen im Hintergrund sehr hohe Kosten in der laufenden Infrastruktur. Es muss andauernd gepflegt werden. Es muss permanent neuer Content generiert werden. Eine MMO-Entwicklung ist nur dann sinnvoll, wenn die Erfolgsaussichten entsprechend gut sind -- und das wird nicht allzu häufig vorkommen.

Making Games Ein Thema auf der letzten GDC waren die Risiken des klassischen Developer-Publisher-Modells, weil die Entwicklungs-Budgets signifikant angestiegen sind und nur 5 bis 10% der Produkte wirklich erfolgreich sind. Glaubst du, dass sich an diesem Verhältnis etwas verändern kann?
Ralf Wirsing An diesen Verhältnissen sollte sich natürlich etwas verbessern. Das passiert momentan dadurch, dass die Filtermechanismen, die ein Entwickler überwinden muss um einen Publishervertrag zu bekommen, immer restriktiver werden. Eine Vision auf fünf Seiten Papier oder ein kleines Demo-Filmchen sind heute nicht mehr ausreichend, um einen Publisher für ein internationales Multi-Millionen-Projekt zu begeistern. Da muss schon etwas mehr kommen.

Making Games Zum Beispiel?
Ralf Wirsing Ein spielbarer Prototyp ist sicherlich sehr hilfreich. Neben den kreativen und technischen Visionen sollten die Entwickler außerdem betriebswirtschaftliche Konzepte präsentieren. Der Entwickler muss nachweisen, dass sein Produkt einen Markt haben kann und im besten Fall eigene Vermarktungsideen in die Präsentation einfließen lassen.

Making Games Welche Überlebenschancen haben deiner Meinung nach unabhängige Entwicklerstudios in den nächsten fünf Jahren?
Ralf Wirsing Ich denke, unabhängige Entwicklerstudios haben immer noch eine sehr gute Überlebenschance. Zum einen stemmen nicht alle Firmen ihre Produkte durch interne Produktionen wie wir, sondern leben davon, externe Produktionen zuzukaufen. Das Überleben einer Entwicklungsfirma wird dadurch gesichert, dass die Qualität stimmt -- das ist entscheidend. Es geht weniger darum, wie groß eine Firma ist oder wie erfolgreich sie in der Vergangenheit war. Ein Entwicklerstudio muss sich bei jeder Produktion neu beweisen. Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Firmen gesehen, die mangels Innovationen leider dicht machen mussten. Die große Herausforderung eines unabhängigen Entwicklers besteht darin, seine Produkte immer wieder neu zu definieren, an Markttrends anzupassen und damit etwas zu kreieren, das für den Spieler interessant ist und ihn zum Kauf anreizt.

Making Games Das Hauptkriterium für die Überlebenschance eines Entwicklerstudios ist also seine Anpassungsfähigkeit an die Marktsituation.
Ralf Wirsing Genau, Flexibilität bei gleichzeitiger hoher Qualität.

Schlacht um Forli, DLC für Assassin's Creed 2: »Download-Inhalte sind rein zusätzlich zu betrachten. DLC-Pakete verlängern den Produktlebenszyklus des Vollspiels.«

Making Games Glaubst du, es wird mit dem Wachstum des allgemeinen Marktes wieder möglich sein, AAA-Spiele in Deutschland speziell für den deutschen Markt zu entwickeln?
Ralf Wirsing Wir machen ja bereits AAA-Produktionen, die eine breite deutsche Zielgruppe berücksichtigen wie zum Beispiel Anno 1404. Deutsche Spieleproduktionen sind definitiv möglich -- es kommt aber auch darauf an, welche Plattform damit bedient werden kann. Eine Playstation-3-Produktion, die 50 Millionen Euro kostet, werden wir nur über den deutschen Markt nicht refinanzieren können.

Making Games Stichwort Plattformen: Auf welche Plattformen muss sich ein Publisher in Zukunft einstellen?
Ralf Wirsing Wir sind erst einmal offen alle Plattformen zu studieren. Danach müssen wir entscheiden ob es sich lohnt, in ein Spielesystem stärker zu investieren oder nicht. Die Plattformen von Apple bieten momentan sehr interessante Wachstumsphilosophien. Man muss allerdings gerade in unserer Branche aufpassen, dass man sein Geld nicht in heiße Trends investiert, die nach sechs Monaten wieder verpuffen.

Making Games Glaubst an das Thema Cloud Gaming oder ist für dich Onlive einer dieser heißen Trends, die sich in den nächsten fünf Jahren in Luft auflösen werden?
Ralf Wirsing Ich finde den Ansatz sehr interessant, jedoch klingt die Idee für mich noch zu unrealistisch. Aber wenn ich mir überlege, dass ich meine Diplomarbeit auf einem 286er geschrieben habe und damals noch keine Vorstellungen von Flachbildschirmen, HD-Auflösungen und Laser-Druckern hatte, heißt diese Einschätzung nicht viel. Die Entwicklung im Entertainment-Bereich geht unheimlich schnell voran.

Making Games Wird bis 2015 eine neue Konsolen-Generation kommen?
Ralf Wirsing Das Konsolen-Business ist sehr erfolgreich und ich bin guten Mutes, dass die großen Hersteller Microsoft, Sony und Nintendo neue Plattformen entwickeln werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen auf sichere Umsätze aus dem Entertainment-Bereich verzichten möchte.

Making Games Letzte Frage: Welches Spiel würdest du 2015 gern unter Vertrag nehmen und persönlich spielen?
Ralf Wirsing Das ist vielleicht ein wenig unspektakulär: Aber nachdem ich gern in der Welt von Orks und Trollen unterwegs bin, würde ich gern mal wieder ein episches, internationales Rollenspiel signen. Ich denke, dass die Spieler auch 2015 immer noch Spaß daran haben werden, in große Fantasy-Welten abzutauchen.
Heiko Klinge

Ralf Wirsing
ist Managing Director von Ubisoft Deutschland