Die 10 goldenen Social Game Regeln
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Die 10 goldenen Social Game Regeln

Facebook-Spiele leben von einer bekannten Marke, verbreitens sich vor allem viral und sind auf ewig an Flash gefesselt: wooga-Gründer Jens Begemann trennt Vorurteile von Fakten und erklärt die wichtigsten Erfolgsrezepte.

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Mit Social Games kündigt sich ein neues Zeitalter des Computerspielens an. Wenn man bisher beim Wort Computerspiele eher an den typischen Hardcore-Gamer dachte, der allein vor seinem PC oder der Konsole sitzt und sich stundenlang mit hochkomplexen Spielen beschäftigt, muss man nun umdenken: Computerspiele auf Facebook bringen alle Menschen zum Spielen.
Der Erfolg von Social Games ist enorm, die etablierten Spieleentwickler springen der Reihe nach auf diesen Zug auf: Electronic Arts akquirierte beispielsweise im September 2009 den Britischen Social Games Hersteller Playfish für 400 Millionen US-Dollar und konnte durch diesen Zukauf auf einen Schlag den zweiten Platz unter den Top-Entwicklern auf Facebook erreichen.
Aber was genau macht denn nun Social Games aus und ist es wirklich so einfach, sich auf diesem Gebiet zu behaupten? Wir wollen dieses Phänomen ergründen und stellen die 10 goldenen Social Games Regeln auf.

Das Facebook-Spiel Monster World von wooga fällt wie Farmville oder das Gameforge-Projekt Funfari unter die Kategorie »Pflegen & Dekorieren« und liegt damit im Trend der aktuell beliebtesten Social Games.

Vorurteil: Facebook-Spiele sind keine echten Spiele!
»Die Spiele auf Facebook sind doch keine echten Spiele!« mögen eingefleischte Gamer immer wieder behaupten: »Zu einfach, zu anspruchslos in Grafik und Spielprinzip« sind die gängigsten Vorurteile gegenüber Social Games.
Aber warum sollten Spiele auch immer nur den Ansprüchen der sogenannten Hardcore-Gamer gerecht werden -- einer vergleichsweise kleinen Gruppen von Spielern. Sich zu vergnügen und zu spielen ist schließlich ein Grundbedürfnis jedes Menschen -- somit besteht auch ein Bedarf an Computerspielen für unerfahrene Gelegenheitsspieler. Genau diesen Bedarf wollen Social Games decken. Spiele für Zwischendurch, die nicht viel Zeit benötigen und auch nicht die technischen Anforderungen klassischer, anspruchsvoller Spiele haben.
Allein 50% der Europäer nutzen das Internet, Facebook hat weltweit 400 bis 500 Millionen aktive Nutzer, von denen rund 70 Prozent die Applikationen -- meist Spiele -- nutzen. Die Angebote werden also dementsprechend angenommen.
Mittlerweile gibt es damit jeden Monat genauso viele aktive Spieler auf Facebook wie insgesamt verkaufte Konsolen (Playstation 1, 2 und 3, Nintendo Wii, Xbox und Xbox 360 zusammen) -- also etwa 350 Millionen.





Spielprinzipien
Welche Ansprüche haben nun diese eher unerfahrenen Gelegenheitsspieler an Social Games? Bei einem Blick auf die Liste der Top-Spiele auf Facebook stellen sich Appointment-Based-Games wie etwa Farming-Spiele als dominierend heraus. Das beliebteste Spiel mit über 70 Millionen monatlich aktiven Nutzern ist mit großem Abstand »Farmville« aus der Spieleschmiede von Zynga.
Das Prinzip ist einfach: Der Nutzer baut etwas an, wartet eine gewisse Zeit und kommt später wieder, um die Erträge einzusammeln. Der Erlös der Ernte kann dann für den weiteren Ausbau der Farm, Upgrades, besondere Items oder Dekorationen eingesetzt werden.
Dieses leicht verständliche Spielprinzip kommt an, schließlich fordert es wenig Zeit und lässt sich somit gut in den Alltag integrieren. Es stellt keine Ansprüche an den Nutzer, ist aber für den Moment des Spielens kurzweilig.

Starke Marke, erfahrener Spieleentwickler, trotzdem ein Flop: Spore Islands von EA Maxis kommt gerade einmal auf 17.000 monatliche Nutzer.

Ganz wichtig, gerade auch für die nicht zu verachtende Zahl der weiblichen Nutzer, die den größten Teil der Social Gamer darstellen, sind die Individualisierungsmöglichkeiten. Also die Spielelemente, mit denen man seine eine eigene individuelle Welt erschaffen und pflegen kann. In Spielen wie »Petville« (ebenfalls von Zynga) müssen die Spieler etwa ein kleines Fantasiewesen pflegen und ihm ein möglichst schönes Zuhause mit immer neuen Gütern aus der virtuellen Shoppingmall schaffen. Auch woogas drittes Spiel, »Monster World«, greift das »Pflegen & Dekorieren«-Prinzip auf. Im Unterschied zu anderen Farming Games geht es hier aber auch darum, seinen Garten möglichst schön zu gestalten und somit sein gärtnerndes Monster glücklich und arbeitswillig zu machen.
So einfach das Spielprinzip auch ist -- es ist vergleichsweise schwierig, sich auf dem Markt der Social Games zu behaupten. Warum das so ist, soll im Folgenden erklärt werden.

Brauchen Facebook-Spiele eine gute Marke?
Man könnte argumentieren, dass Entwickler mit jahrelanger Erfahrung in der Entwicklung von Computerspielen und großen Marken im Rücken leichtes Spiel mit Social Games hätten -- darunter etwa Electronic Arts und Ubisoft.
Ein erneuter Blick auf die Top 100 Spiele zeigt aber, dass der automatische Erfolg keinesfalls garantiert ist: Lediglich zwei großen Marken schafften es bisher mit ihren Spielen unter die einhundert besten Spiele. Darunter Popcap mit ihrem Arcade-Klassiker »Bejeweld Blitz« und eine Online-Version des Kartenspielklassikers »UNO«. Electronic Arts steht als einziges etabliertes Unternehmen in der List der Top 10 Facebook-Spiele, allerdings nur durch die Übernahme von Playfish. Von EA selbst produzierte Spiele hatten weitaus weniger Erfolg. So brachte es die Social-Version Spore Islands gerade einmal auf rund 17.000 monatlich aktive Nutzer und auch Ubisoft verzeichnete mit seinen Spielen Nutzerzahlen, die weit unter der 500er Marke lagen.
Lange Erfahrung in der Spieleindustrie scheint also keineswegs ein Vorteil zu sein, um sich unter den Social Games Herstellern zu etablieren. Es werden Experten gesucht, die sich auf die völlig neue Zielgruppe spezialisieren und das Vermögen haben, sich von klassischen Spielkonzepten zu lösen.




Die Rolle von Facebook
Facebook ist von großer Bedeutung für Social Games, das steht außer Frage. In erster Linie sind dafür die diversen Kanäle für virales und auch nicht-virales Marketing verantwortlich.
Das hauseigene Werbesystem von Facebook bietet Möglichkeiten, die Nutzer gezielt -- und trotzdem anonym -- anzusprechen und auszuwählen. Dadurch kann Werbung direkt und höchst effektiv eingesetzt werden.
Facebook Performance Ads bieten drei grundlegende Wege, Zielgruppen zu bestimmen:

  1. Location Targeting: Wählt Nutzer aus, die in einem bestimmten Land, einer bestimmten Stadt oder deren Umkreis leben.
  2. Keyword Targeting: Nutzt die Informationen, die ein Nutzer auf seinem Profil freigibt. Somit können gezielt einzelne Interessen des Nutzers berücksichtigt werden.
  3. Connection Targeting: Wählt die Nutzer anhand bestimmter Verbindungen zum Unternehmen aus. So können beispielsweise all die Nutzer angesprochen werden, die bereits mit einer anderen Applikation des Herstellers in Verbindung stehen oder noch nie eine der Anwendungen gestartet haben.


Die öffentliche Wahrnehmung einzelner Anwendungen wird vor allem durch die viralen Kanäle beeinflusst. Sie ermöglichen eine möglichst weite Verbreitung des Spiels innerhalb des Netzwerkes. So wird über Feedposts, Einladungen, Fanpages oder das Games Dashboard für eine nahezu permanente Präsenz der Anwendungen und somit für eine weite Verbreitung gesorgt.
Die wichtigsten Kanäle sind:

  • Newsfeed Posts: Die Spieler informieren ihre Freunde über besondere Errungenschaften oder Neuigkeiten im Spiel, wie beispielsweise Levelaufstiege oder neue Highscores.
  • Einladungen: Der zweite bedeutende virale Kanal sind Einladungen. Nutzer bringen durch das Versenden von Geschenken oder Spieleinladungen ihre Freunde dazu, eine bestimmte App zu installieren oder sich in bereits installierten Apps weiter zu beschäftigen.
  • Fan Page Posts: Über die Fanseiten werden Fans und Nutzer der Applikation über Neuigkeiten oder besondere Aktionen zum Spiel auf dem Laufenden gehalten. Gleichzeitig bieten sie Raum für Feedback und die Interaktion mit anderen Nutzern.
  • E-Mail-Anmeldung: Nach seiner Zustimmung erhält der Spieler Informationen und Neuigkeiten rund um das Spiel per E-Mail. Diese Art von Updates bietet weitaus ausführlichere Informationen als Feedposts oder die normalen Notifications.
  • Bookmarks: Ein Lesezeichen auf der Facebook-Startseite vereinfacht den Zugriff auf das Spiel und erhöht somit auch die Chance, dass der Nutzer häufiger zum Spiel zurückkehrt.
  • Games Dashboard: Hier sind die eigenen bereits installierten Applikationen gelistet. Darüber hinaus werden weitere Applikationen empfohlen sowie die von Freunden genutzten Apps angezeigt.

Die Kriterien für den Erfolg von Social Games.

Mit dem Fokus auf die viralen Kanäle wird häufig übersehen, dass es inzwischen bei Facebook viel wichtiger ist, Nutzer zum regelmäßigen Spielen zu bewegen, Stichwort »hohes Engagement«. Man sollte sich nicht allein auf die virale Verbreitung konzentrieren. Ein hohes Engagement erreicht man nur zum Teil durch die eben erwähnten viralen Kanäle, vor allem sorgt aber die Integration einer hohen Rückkehr-Motivation in das Spielprinzip für dauerhaft hohe Userzahlen.
Neben der Werbung auf Facebook und den viralen Kanälen werden noch zwei weitere große Vorteile von Facebook häufig übersehen:
Bei Browsergames ist für jedes Spiel eine eigene, individuelle Anmeldung mit Benutzername/Password/Mail-Adresse nötig. Diese Barriere fällt bei Facebook weg, da die Nutzer bereits registriert sind und die Spiele über das vorhandene Netzwerk nutzen. Dadurch erhöht sich die Conversion von Interessenten zu Spielern.
Auch der Social Graph spielt bei der Nutzung von Facebook eine entscheidende Rolle. Bei einem typischen Browserspiel sind in der Regel nur sehr wenige oder gar keine der eigenen Freunde ebenfalls Nutzer -- man spielt also meist mit Fremden, was eine Hürde für Gelegenheitsspieler darstellt.

Charismatische Spielehelden schaffen Emotionen und sollten deshalb möglichst häufig auftauchen - etwa auf der Fanpage des Spiels.

Auf Facebook haben die Spieler bereits ihr eigenes Netzwerk mit Freunden, die sie meist persönlich kennen und mit denen sie online spielen können. Somit greifen Social Games viel eher das Prinzip des klassischen Spieleabends auf und kehren zu den Wurzeln des Spielens zurück. Wenn der User sich zuvor zu einer Partie »Mensch, ärgere dich nicht!« verabredet hatte, spielt er nun gemeinsam mit seinen Freunden im Browser.



Monetarisierung
Social Games auf Facebook folgen wie auch klassische Browsergames dem »Free-to-Play«-Prinzip: Kostenlose Spiele mit der Möglichkeit der Aufwertung durch virtuelle Güter.
Entwickler können bei diesem Business-Modell etwa folgende Umsätze erwarten:
Rund 20% der Monthly Active User (MAU) nutzen ein Spiel täglich. Von diesen Daily Active Users (DAU) geben ca. 3 bis 5% 10 bis 20 US-Dollar im Monat für virtuelle Güter aus. So kommt man schließlich auf einen monatlichen Umsatz von 0,50 US-Dollar pro DAU bzw. 0,10 US-Dollar pro MAU -- jeweils bezogen auf Spiele, deren Spielprinzip stark auf virtuellen Gütern basiert und die auf Monetarisierung optimiert sind. Bei einem Spiel mit durchschnittlich 5 Millionen MAU und 1 Millionen DAU kann man so einen monatlichen Umsatz von etwa 500.000 US-Dollar erzielen.
Die Monetarisierung erfolgt über Virtual Goods, die das Spiel für die Nutzer erweitern. Die virtuellen Güter lassen sich grundlegend in drei Kategorien unterteilen:


Functional Goods: Diese Güter stellen für die Nutzer einen Vorteil im Spiel dar. Power-Ups oder andere spezielle Hilfsmittel machen es dem Spieler leichter, voranzukommen und sich einen Vorteil gegenüber anderen Nutzern zu verschaffen. So können die Spieler bei woogas »Bubble Island« beispielsweise zusätzliche Versuche kaufen, damit sie -- falls alle Leben verbraucht sein sollten -- ein Level noch einmal in Angriff nehmen können. Sie haben etwa auch die Möglichkeit, Hilfen hinzuzukaufen, die das automatische Abschießen der Blasen und das Herunterkommen der Decke verlangsamen.
Decorative Items: Diese Güter erfüllen keinen besonderen Zweck für das Vorankommen im Spiel, sie dienen lediglich dem Selbstausdruck und der individuellen Gestaltung des Spiels. Decorative Items können schmückende Gegenstände für die Spielumgebung oder Zusätze für die Gestaltung des eigenen Avatars darstellen.
Consumables: Ähnlich wie die Functional Goods dienen Consumables auch dem besseren Vorankommen im Spiel. Consumables sind allerdings nur temporär -- wenn sie einmal aufgebraucht sind, müssen sie neu erworben werden. So gibt es im Spiel »Monsterworld« beispielsweise Zauberstäbe, mit denen von den Monstern gefressene Pflanzen wieder hergestellt werden können und zu langsam wachsende Pflanzen einen Wachstumsschub erhalten.
Wichtig für die Monetarisierung sind darüber hinaus spezielle, temporäre Sondereditionen bestimmter Artikel. Die Einmaligkeit und die begrenzte Erhältlichkeit dieser Güter machen es für die Spieler besonders erstrebenswert, sie zu besitzen. Temporäre Güter gibt es gerade zu besonderen Anlässen, darunter jahreszeitspezifische Dekorationen, Items zu bestimmten Anlässen wie Weihnachten oder zur Fußball Weltmeisterschaft. Im Angebot sind auch spezielle, lokale Güter denkbar, die sich nach den Ländereinstellungen der Nutzer richten und daher nur in bestimmten Regionen erhältlich sind.

Internationalität
Etwa 500 Millionen Nutzer sind weltweit auf Facebook aktiv. 48% davon nutzen laut »insidefacebook.com« eine andere Sprache als Englisch. Mehr als nur ein guter Grund, sich diesen internationalen Gegebenheiten anzupassen. Bisher nutzen aber noch zu wenige Hersteller die Möglichkeiten, ihre Nutzer über Facebook direkt zu lokalisieren und die Angebote entsprechend anzupassen. Letztendlich geht es auch darum, auf einem größtmöglichen Markt erfolgreich zu sein.
Auf Internationalität und Lokalisation legen wir bei wooga sehr großen Wert. Ein internationales Team kümmert sich um die Übersetzung in sechs Sprachen, die -- je nach Sprachsettings der Nutzer -- im Spiel angezeigt werden.
Darüber hinaus gestalten wir auch den gesamten Kundensupport mehrsprachig, auch alle Feedposts und die Fan-Seiten sind auf die entsprechenden Sprachen zugeschnitten. Die globale Ausrichtung macht wooga somit zu keinem rein »deutschen« Unternehmen, sondern zugleich zu einem französischen, englischen, italienischen, spanischen und türkischen -- nur eben mit Sitz in Berlin.

Die aktuell beliebtesten Facebook-Spiele. Besonders auffallend ist der hohe Anteil an »Pflegen & Dekorieren«-Titeln wie Farmville, Treasure Isle oder Café World.

Auch der Einsatz von internationalen Besonderheiten in den Spielen selbst nimmt eine wichtige Rolle bei der Attraktivität und der Bewertung der Qualität eines Spiels ein. Oftmals werden spezielle virtuelle Güter angeboten oder Themenwochen veranstaltet, während derer besondere Dekorationen oder spezielle Gegenstände im Spiel eingesetzt und erworben werden können. So zum Beispiel bei der Fußball-WM, dem Superbowl oder dem Oktoberfest.



Technik
Bei der Wahl der technischen Plattform für die Nutzerseite gilt die erprobte Regel: Sei für so viele deiner Nutzer wie möglich da. Oder in diesem Fall eher: Sei für so viele Nutzer wie möglich »zugänglich«.
Grundsätzlich gibt es bei Browserspielen die Möglichkeit, klassisches HTML zu nutzen. Es bietet aber wenige Möglichkeiten zur Darstellung von Animationen. Als Alternative kommen in Frage: Ein Client, den der Nutzer herunterlädt und installiert, Browser-Plugins wie Unity 3D, das neue HTML 5 und Flash. Aus unserer Sicht ist jedoch nur Flash ein Kandidat für Social Games, denn die anderen Techniken stellen eine zusätzliche Installationshürde für den Nutzer dar oder sind (noch) nicht weit genug verbreitet. Wenn eine Technologie nicht mindestens bei 90% der Nutzer vorhanden ist, so wird dieser Umstand die virale Ausbreitung vermutlich im Keim ersticken.
Trotz der gemeinsamen Basis Flash funktionieren die Entwicklung und der Betrieb von Social Games deutlich anders als bei Singleplayer- und klassischen Computerspielen. Social Games sind in erster Linie Services und keine Produkte. Die Unterschiede zwischen der Entwicklung eines Produkts und dem Betrieb eines Dienstes sollten Entwickler auf keinen Fall unterschätzen. John Vechey, der Gründer des erfolgreichen Entwicklers Popcap beschreibt dies bei einem Vortrag auf der Casual Connect 2010 so:


»Wie kommt es, dass intelligente, erfahrene und erfolgreiche Manager der Spielebranche ein ›Games as Service‹-Projekt starten -- mit klarem Blick aufs Ziel und bestens vorbereitet -- und es dennoch schaffen, den Live-Betrieb eines Online-Services so radikal zu unterschätzen? Ist das Ganze wirklich so schwierig? Die Antwort ist ›Ja‹.«


Entwicklungszyklus/Finanzen
Klassische Computerspiele sind ein Hit-Business. Nach einer relativ langen Entwicklungsphase -- in etwa zwei bis drei Jahre -- und einem vergleichsweise hohen Entwicklungs-Budget kommt das Spiel schließlich auf den Markt. Entweder findet es Anklang oder es verkauft sich schlecht.
Bereits nach wenigen Tagen steht fest, ob das Spiel ein Hit ist. Wenn es sich hingegen als Flop herausstellt, dann hat der Hersteller praktisch keine Chance mehr, daran etwas zu ändern.
Bei Social Games verhält es sich genau umgekehrt: Die Entwicklung beansprucht weitaus weniger Zeit und Kosten. So brauchen zehn Entwickler bei wooga rund sechs Monate von der ersten Idee bis zum Livegang des Spiels. Während dieser Phase führen wir alle ein bis zwei Wochen einen Usability-Test mit jeweils zwei bis drei Nutzern durch, um bereits in sehr frühen Phasen die Bedienung so einfach wie möglich zu gestalten und die Verständlichkeit des Spielprinzips zu testen. Die ersten Tests machen wir dabei mit Papier-Prototypen, später handelt es sich um Beta-Versionen des Spiels.
Nach dem Launch geht die Arbeit dann erst richtig los: Mit dem Feedback der Nutzer und vor allem den gesammelten Daten aus der Analyse des Nutzerverhaltens und A-B-Tests wird nun versucht, das Spiel so weit wie möglich zu verbessern. Wöchentlich werden neue Versionen des Spiels im A-B-Testing einer kleinen Gruppe (etwa 10%) der Nutzer zugänglich gemacht und die Reaktionen auf die neuen Features dieser Version abgewartet.
Dabei messen wir vor allem folgende Kennzahlen:

  • Anteil zahlender Nutzer
  • Umsatz pro zahlendem Nutzer
  • Anteil der neuen Nutzer, die in ihrer ersten Session bis Level X kommen
  • Rückkehrrate
  • Virale Aktivität (für alle Kanäle)
  • Spieldauer in Minuten
  • Anzahl Sessions



Mit diesen Mitteln gelingt es, Produkte möglichst gut an die Bedürfnisse der Nutzer anzupassen und auf Feedback schnell zu reagieren -- was in einem klassischen Hit-Business so nicht möglich ist.
Die meisten Nutzer erlangen oftmals erst Kenntnis von einem Spiel, nachdem es durch viele Verbesserungszyklen gegangen ist. Zwar werden so durch das Testen einige frühe Nutzer verprellt, doch wird dies durch die Masse an Spielern, die später die ausgereifte Version verwenden, wieder ausgeglichen.



Was macht ein gutes Social Game aus?
Die viralen Kanäle auf Facebook sind hervorragend geeignet, um ein Spiel zu verbreiten und es damit in den Köpfen der Nutzer zu verankern. Bei der Flut an Applikationen und der großen Konkurrenz reicht es aber nicht aus, einfach nur präsent zu sein. Was ist also noch wichtiger? Ganz einfach: Man muss schlichtweg die besten Spiele anbieten!
Problematisch dabei: Gerade einmal 0,03% der über 500.000 Applikationen auf Facebook schaffen es auf mehr als 1 Million MAU -- eine kritische Schwelle, um überhaupt wahr genommen zu werden. Was macht also ein gutes Social Game aus?
Wie bereits erwähnt, muss es für jeden leicht zugänglich sein. Leicht verständliche Spielprinzipen und gut durchdachte Tutorials erleichtern dem Nutzer den Einstieg ins Spiel. Verwirrende, uneindeutige und überladene Anwendungen führen hingegen mit Sicherheit zu Frustration und einem schnellen Abbruch des Spiels.
Ein weiterer Punkt -- sowohl für den Wiedererkennungswert als auch für die Bindung des Spielers wichtig -- ist die Emotionalisierung. Bei wooga ist uns neben der Internationalität gerade auch dieser Aspekt besonders wichtig. Wir setzen vor allem auf die Charaktere, die den Nutzer durch die Spiele begleiten und möglichst lange im Gedächtnis bleiben sollen. In »Brain Buddies« ist dies der Professor, der den Nutzer beim Spielen anleitet und animiert. Der Waschbär in »Bubble Island« befüllt die Blasenkanone und zeigt unterschiedlichste Emotionen, so dass der Spieler mit dem kleinen Tier mitfühlt. Der Waschbär freut sich, wenn ein guter Schuss abgegeben wurde und kommt ins Schwitzen, wenn es für den Nutzer eng wird. Die Charaktere leiten nicht nur durch die Spiele, sie sind auch immer wieder Inhalt von Fan Page Posts. So können die Spieler auch hier immer wieder einen persönlichen Bezug herstellen.
Neben der Emotionalisierung ist auch die maximale und sinnvolle Nutzung der viralen Kanäle von Bedeutung. Die Spieler sollten angeregt werden und vor allem auch einen Nutzen darin sehen, Einladungen an Freunde zu verschicken oder ihnen Erfolge im Spiel mitzuteilen. Dabei sollte aber auch darauf geachtet werden, nicht allzu spammig vorzugehen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Profile und Feeds überflutet und Postings durch andere User komplett geblockt werden.
Für ein gutes Social Game ist auch die Art der Monetarisierung entscheidend. Der Nutzer sollte die Möglichkeit haben, sein Spiel durch virtuelle Güter zu individualisieren und mit ihrer Hilfe besser voranzukommen -- entweder, weil er Hilfe benötigt oder weil er einfach schneller bestimmte Stufen erreichen möchte.
Am Ende siegt die Qualität eines Spiels. Es ist ratsam, eher wenige, sehr gute Spiele zu launchen, die alle Vorteile von Facebook perfekt ausnutzen, als viele nicht optimierte Spiele über mehrere Netzwerke zu verteilen.

Social in jeder Hinsicht
Wenn wir die vorangegangenen Punkte einmal zusammenfassend betrachten, steht eine Sache ganz eindeutig im Vordergrund: der Nutzer.
Prinzipiell einleuchtend, da Spiele ja schließlich für Menschen gemacht werden, die am Ende auch einfach Spaß am Spielen haben sollen. Social Games gehen aber über dieses »Leistungsverhältnis« noch hinaus. Social Games sind also nicht nur Spiele »für« Nutzer, sondern eben auch »von« Nutzern -- Entwickler und Spieler gehen eine Art Symbiose miteinander ein.
Die Spiele sind in erster Linie kostenlos -- was wir aber Wertvolles von den Nutzern bekommen, ist ihr Feedback, es sind die Anregungen und die Reaktionen auf Veränderungen im Spiel. Wir erhalten mehr Aufschluss darüber, was wir verbessern können, am Ende bieten wir unseren Spielern ein noch besseres Produkt und noch größeren Spielspaß.
Und auch bei der Werbung helfen uns die vom Nutzer freigegebenen Informationen, bessere, effektivere und vor allem interessengerichtete Werbung zu machen. Natürlich soll auch vermieden werden, andere Nutzer durch für sie uninteressante Werbung zu belästigen.
»Social Gaming« geht also über seine eigentliche Bedeutung, mehrere Menschen über das Netz miteinander spielen zu lassen hinaus. »Social« steht für die Interessen des Nutzers und deren Einfluss auf die Entwicklung der für sie gemachten Spiele.


Jens Begemann
ist Gründer und CEO von wooga.

Jens gründete Anfang 2009 den Social-Games-Entwickler wooga. Zuvor war er sieben Jahre lang für den Erfolg von Jamba (jetzt Fox Mobile Entertainment) mitverantwortlich, unter anderem als Chief Product Officer und Mitglied der Geschäftsführung.